Jenni will wieder etwas beweisen
Das erste allein von der Sonne
beheizte Mehrfamilienhaus ist in
groben Zügen fertig. Bauherr Josef
Jenni gewährt einen Blick ins Innere
– und welche Überraschung: So
unkonventionell sind die Wohnungen
gar nicht.
So sieht eine Wohnung im ersten
Mehrfamilienhaus aus, das dereinst
voll und ganz mit Hilfe der Sonne
beheizt wird. Grau sind die
Bodenplatten, weiss die Wände und
die Kunstharzkombination in der
Küche, im Hintergrund geht der Blick
durch eine grosse Fensterfront
hinaus in den Garten. Oder das, was
nach Abschluss der Bauarbeiten im
Spätsommer Garten werden soll.
Nichts Aussergewöhnliches auf den
ersten Blick also. Wenn da, dem
Baustellenbetrieb sei Dank, im
Treppenhaus nicht noch die Wand
offen wäre. Das Loch, das später mit
einem Blech zugemacht wird, gibt den
Blick frei auf einen riesigen
Wassertank. Silbrig glänzt die von
Maschendraht eingepackte
Isolationsfolie im schwachen
Tageslicht.
Ohne Zusatzheizungen
Der Tank, der vom Keller bis
hinauf in den Estrich reicht, ist
das Herzstück im Achtfamilienhaus,
das Josef Jenni mit seiner
Solarenergiefirma im Burgdorfer
Südquartier nahe des Bahnhofs
Oberburg baut. Er fasst gut 200000
Liter Wasser und ist im Innern 63
bis 73 Grad warm – es ist die
gespeicherte Energie aus den 276
Quadratmetern Sonnenkollektoren, die
das Satteldach in Beschlag nehmen.
Dabei ist der Tank viel zu gross
dimensioniert.
In einem normalen Winter, sagt
Jenni, kämen die Bewohner wohl mit
einem weit kleineren Energiespeicher
über die Runden. Aber eben. Das Haus
ist eine Pioniertat, da rechnet man
automatisch Reserven ein. Zumal die
Sonne allein genügen muss;
Zusatzheizungen zum Überbrücken sind
tabu.
Ausgeklügelte Belüftung
Das alles hat Jenni vor
Wochenfrist all jenen erklärt, die
am nationalen Tag der Sonne durch
den Rohbau gestreift sind. Und fährt
jetzt, da er für die BZ nochmals die
Türen aufmacht, fort: Ausserhalb
aller energietechnischen Fragen sei
das Haus konventionell gebaut. Den
Strom beziehe es vom Netz, die
Materialien seien zwar bewusst
gewählt, entsprächen aber nicht den
strengen baubiologischen
Richtlinien.
Einen umso grösseren Aufwand hat
Jenni betrieben, um zu verhindern,
dass aus dem Gebäude viel Wärme
entweicht. Die Isolation ist
besonders dick und besteht aus einem
speziellen Material, das eine
zusätzliche Dämmung verspricht.
Ähnliches gilt für die Fenster, dazu
kommt ein ausgeklügeltes
Belüftungssystem, das der Abluft die
Wärme entzieht. Dank ihm müssen die
Fenster zum Lüften nicht geöffnet
werden.
Verkaufen oder vermieten
Jenni verhehlt nicht, dass solche
Extras ihren Preis haben. Er
schätzt, dass etwa 1 Million der 4,5
investierten Millionen auf das Konto
der unkonventionellen Heizerei geht.
Dessen ungeachtet glaubt er, mit den
acht 2½- bis 5½-Zimmer-Wohnungen
preislich im Markt mithalten zu
können, ob er sie nun vermietet oder
verkauft. Zumal er das Gebäude dank
Geldern und Darlehen der Aktionäre
günstig habe finanzieren können und
zudem darauf verzichte, im grösseren
Stil Gewinn abzuschöpfen.
Umso mehr zählt für ihn der
Werbeeffekt für die Firma, weil die
Medien, wie er zufrieden feststellt,
regelmässig über sein Vorhaben
berichten. Dass ein nur von der
Sonne beheiztes Mehrfamilienhaus
auch künftig eher die Ausnahme ist,
ist ihm bewusst. In der Regel sei –
für einen kleinen Teil der
benötigten Wärme – die Kombination
mit einem Holzofen sinnvoller und
wirtschaftlicher. Er wolle mit dem
Neubau einfach zeigen, «dass es
funktioniert» – so, wie er es vor 20
Jahren mit dem ersten, ebenfalls nur
mit Sonne beheizten Einfamilienhaus
bereits einmal durchgespielt und
bewiesen hat.
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