Berlin, 26. Dezember 2006, Financial Times Deutschland

Gasprom bedrängt Weißrussland

von Nils Kreimeier (Berlin)
Der staatlich kontrollierte russische Gasmonopolist Gasprom und Weißrussland haben ihre Verhandlungen über höhere Gaspreise ab 2007 ergebnislos abgebrochen. Zuvor hatte Gasprom den Preis für 1000 Kubikmeter Gas auf 200 $ vervierfacht.

Im Laufe der Gespräche bot der russische Monopolist dann zwar eine Preisreduzierung an, forderte im Gegenzug jedoch die Kontrolle über weißrussische Transitpipelines.

Die Verhandlungsstrategie von Gasprom zeigt, wie massiv das Unternehmen aus der Rolle des einfachen Gasförderers drängt. Der Konzern verfolgt das Ziel, die gesamte Versorgungskette unter seine Kontrolle zu bringen - von der Förderung bis hin zum Endverbraucher in Europa. Entsprechende Abkommen hatte das Unternehmen unlängst in Italien und Frankreich geschlossen.

Im Kern der Verhandlungen zwischen Gasprom und Weißrussland steht das Transitunternehmen Beltransgas, das den Gastransit nach Westeuropa kontrolliert. Das Angebot, wonach der russische Energiekonzern bereit ist, für eine Mehrheitsbeteiligung teilweise auf die Preiserhöhung zu verzichten, hat die weißrussische Seite bisher abgelehnt. Sie befürchtet eine zu große Abhängigkeit von Moskau. Die Kontrolle über die Transitleitungen hatte auch in den Verhandlungen Gasproms mit der Ukraine und mit Georgien eine Rolle gespielt.

Sollte das politisch isolierte Weißrussland die höheren Preise letztendlich akzeptieren, drohen dem Land zumindest kurzfristig schwere wirtschaftliche Probleme. Die kaum reformierte Industrie des Landes gilt unter Ökonomen als sehr abhängig von billiger Energie. Es stünde dann vor enormen Anpassungsproblemen. Ein großer Teil der weißrussischen Wirtschaft verarbeitet russische Ölprodukte weiter.

Im vergangenen Jahr hatte Gasprom bereits die Preise für die Ukraine abgehoben. Danach hatte das Land einen schweren Einbruch beim Wirtschaftswachstum erlitten.

Bereits im Vorfeld der Verhandlungen mit Weißrussland hatte Gasprom gewarnt, das Land gefährde seine Energieversorgung, sollte es den geplanten Preiserhöhungen nicht zustimmen. Die bisherige Vereinbarung, nach der Minsk 46 $ pro 1000 Kubikmeter Gas bezahlt, läuft nach russischen Angaben Ende Dezember aus. Ab 2007 hat Gasprom bereits die Preise für die ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien, Moldawien, Aserbaidschan und Ukraine teilweise deutlich erhöht.

In Westeuropa wächst derzeit erneut die Sorge vor möglichen Einschränkungen der Gaslieferungen aus Russland. Die Jamal-Pipeline durch Weißrussland ist eine der wichtigsten Transitleitungen für Erdgas nach Westeuropa. Vor einem Jahr hatte Gasprom der Ukraine das Gas abgedreht und damit auch einen Druckabfall in westeuropäischen Leitungen ausgelöst.

Gasprom-Sprecher Sergej Kuprijanow schloss derartige Probleme in diesem Jahr jedoch aus: "Es gibt keinen Grund zur Sorge für westliche Konsumenten", sagte er im russischen Fernsehen. Nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters wurden in Gasspeichern in Deutschland und in Österreich bereits Vorräte für mögliche Ausfälle angelegt.

Georgien sorgte Ende vergangener Woche für eine Überraschung. Nachdem das Land die russischen Preisforderungen zunächst abgelehnt hatte, hat es sie jetzt doch akzeptiert. Das mit Russland wegen seiner prowestlichen Orientierung zerstrittene Land setzt dabei allerdings auf alternative Lieferungen aus Aserbaidschan und langfristig auch aus Turkmenistan. Dessen diktatorisch regierender Präsident Saparmurad Nijasow war in der vergangenen Woche gestorben. Sein Tod hat Hoffnungen auf eine neue Energiepolitik des Landes auslöst.

 

 

Zum Thema:
(€) Leitartikel: Gasstreit mit Weissrussland - Alle Jahre wieder (http://www.ftd.de/meinung/kommentare/144940.html)

Gasprom drückt Georgien doppelten Preis auf (http://www.ftd.de/politik/international/144575.html)

Gasprom übernimmt Mehrheit an Sachalin 2 (http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/144055.html)

Gasprom knackt neuen Markt für Endkunden (http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/143665.html)

Shell öffnet Tür für Gasprom bei Sachalin-2 (http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/143394.html)

Russland zwingt Shell in die Knie (http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/140539.html)

 

 


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