Der Ölpreis klettert auf über 60 Dollar pro Barrel, die
Nachfrage steigt weiter, allein China hat 2004 16% mehr Erdöl
geschluckt als im Vorjahr. Bei diesem Tempo können die Fördermengen
längerfristig nicht mehr mithalten. Kein Wunder, wird die Erdölbranche
nervös: «Saving oil in a hurry.» Wie die Wirtschaft schnell Öl
einspart - solche Ratschläge kamen bisher vor allem von
Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace. Ende April 2005 hat
aber die internationale Energieagentur (IEA) unter diesem Titel
Massnahmen vorgeschlagen, wie Erdöl gespart werden kann. So rät
sie unter anderem, dass weltweit auf Überlandstrassen nur noch
mit Tempo 90 gefahren werden sollte. Und die jüngste
Pressemitteilung der IEA weist auf die Chancen von Biobrennstoff
hin.
*«So schnell ändert sich nichts»*
Die IEA-Vorschläge bleiben vorläufig Rhetorik. Der Ölpreis
jedenfalls kennt seit Wochen nur eine Richtung: Nach oben. «So
schnell ändert sich das nicht», sagt Colin J. Campbell. Der 74-jährige
Geologe und Erdölexperte war jahrzehntelang in leitender Funktion
bei grossen Ölfirmen tätig und hat selbst Ölfelder erschlossen.
Noch im Frühling 2004 erwarteten die Finanzanalysten, dass sich
2005 der Ölpreis zwischen 20 und 25 Dollar je Barrel bewegen würde.
Mittlerweile rechnen einige Finanzhäuser gar mit einem Anstieg
des Erdölpreises auf über 100 Dollar je Barrel. «Die Finanzwelt
versteht langsam, wie die Situation tatsächlich ist», stellt
Campbell fest. Er hat bereits 2002 in seinem Buch «Ölwechsel!»
davor gewarnt, dass die Welt kurz vor dem Höhepunkt des Erdölzeitalters
stehe und die nächste Generation womöglich das Ende erleben
werde.
Die gleiche Meinung vertritt Solarpionier und Energieexperte
Josef Jenni; er ist Inhaber der Jenni Energietechnik in Oberburg
BE. «Was zählt, ist die effektive Ölförderung und nicht die
Rhetorik. Immer mehr Länder haben das Fördermaximum erreicht und
weisen Jahr für Jahr sinkende Förderzahlen aus.» Er hat die jüngst
erschienene Jahresstatistik 2004 von BP interpretiert: Staaten wie
die USA, Norwegen oder Grossbritannien hätten das Fördermaximum
schon überschritten. Russland, Mexiko oder China befänden sich
am Fördermaximum. Noch darunter seien unter anderen die meisten
Golfstaaten, Nigeria und Venezuela. Obwohl die Erdölkonzerne jährlich
steigende Reserven vermelden und damit die immer höhere Nachfrage
zu parieren glauben, bleibt Jenni skeptisch: «Die Felder werden
immer kleiner, die Rohölqualität sinkt tendenziell, die Erdölförderung
und die Verarbeitung brauchen ihrerseits immer mehr Energie.»
Erdölexperte Campbell sagt heute denn auch klar: «Alle sind
nervös. Die Welt ist nahe am Fördermaximum - es könnte bereits
vergangenes Jahr erreicht worden sein.» Hat der Brite recht, so wären
das düstere Aussichten für die ölhungrige Weltwirtschaft: Nach
Jahren der Steigerung der Fördermenge wird die Produktion nach
dem Fördermaximum Jahr für Jahr zurückgehen. «Um 2 oder 3% jährlich»,
schätzt Campbell, «und das für immer.» Das sei absolut gesehen
zwar nicht sehr viel, habe aber grosse Konsequenzen auf die
weltweite Wirtschaft. «Deshalb wird der Ölpreis solange steigen,
bis die führenden Wirtschaftsmächte deswegen in eine Rezession
fallen.» Dann würden Nachfrage und Preise wieder sinken - bis
die Volkswirtschaften sich erholen. Campbell: «Es ist ein
Teufelskreis.»
*BP setzt auf Solarenergie*
Die Warnrufe der Kritiker kümmert die amerikanische, weltgrösste
Erdölfirma Exxon Mobil herzlich wenig. Auf ihrer deutschen
Homepage verkündet sie: «Immer wieder wird behauptet, dass in
naher Zukunft das Ende des Ölzeitalters erreicht sei.» Das sei
ein «weit verbreitetes Missverständnis». Da erstaunt nicht,
dass Exxon Mobil auch kaum auf erneuerbare Energien setzt.
Anders schätzt man die Lage bei der britischen Konkurrenz BP
ein. Der Konzern investiert nach eigenen Angaben seit 30 Jahren in
erneuerbare Energien. Die deutsche Tochter hat vor zwei Jahren in
München die grösste Solaranlage in Betrieb genommen, die je auf
einem Flughafen gebaut wurde. Das Erdölunternehmen stellt heute
auch bei der Werbung in Magazinen nicht Öl, sondern Sonnenenergie
in den Vordergrund, weil sie «beste Aussichten» habe, wie das
Unternehmen in einem Inserat schreibt, «schliesslich scheint die
Sonne noch etwa 4,5 Mrd Jahre». Länger als das Öl je fliessen
wird.
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