HandelsZeitung von 28.06.2005, Gabriela Weiss
 
Erdöl: Mehr Öl lässt sich nicht fördern
 
Sein Preis erreicht Rekordwerte. Die Situation werde sich kaum entspannen, sagen kritische Erdölexperten. Denn: Das Fördermaximum sei näher, als die Branche wahrhaben will.
 
 
 
Der Ölpreis klettert auf über 60 Dollar pro Barrel, die Nachfrage steigt weiter, allein China hat 2004 16% mehr Erdöl geschluckt als im Vorjahr. Bei diesem Tempo können die Fördermengen längerfristig nicht mehr mithalten. Kein Wunder, wird die Erdölbranche nervös: «Saving oil in a hurry.» Wie die Wirtschaft schnell Öl einspart - solche Ratschläge kamen bisher vor allem von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace. Ende April 2005 hat aber die internationale Energieagentur (IEA) unter diesem Titel Massnahmen vorgeschlagen, wie Erdöl gespart werden kann. So rät sie unter anderem, dass weltweit auf Überlandstrassen nur noch mit Tempo 90 gefahren werden sollte. Und die jüngste Pressemitteilung der IEA weist auf die Chancen von Biobrennstoff hin.

*«So schnell ändert sich nichts»*

Die IEA-Vorschläge bleiben vorläufig Rhetorik. Der Ölpreis jedenfalls kennt seit Wochen nur eine Richtung: Nach oben. «So schnell ändert sich das nicht», sagt Colin J. Campbell. Der 74-jährige Geologe und Erdölexperte war jahrzehntelang in leitender Funktion bei grossen Ölfirmen tätig und hat selbst Ölfelder erschlossen. Noch im Frühling 2004 erwarteten die Finanzanalysten, dass sich 2005 der Ölpreis zwischen 20 und 25 Dollar je Barrel bewegen würde.

Mittlerweile rechnen einige Finanzhäuser gar mit einem Anstieg des Erdölpreises auf über 100 Dollar je Barrel. «Die Finanzwelt versteht langsam, wie die Situation tatsächlich ist», stellt Campbell fest. Er hat bereits 2002 in seinem Buch «Ölwechsel!» davor gewarnt, dass die Welt kurz vor dem Höhepunkt des Erdölzeitalters stehe und die nächste Generation womöglich das Ende erleben werde.

Die gleiche Meinung vertritt Solarpionier und Energieexperte Josef Jenni; er ist Inhaber der Jenni Energietechnik in Oberburg BE. «Was zählt, ist die effektive Ölförderung und nicht die Rhetorik. Immer mehr Länder haben das Fördermaximum erreicht und weisen Jahr für Jahr sinkende Förderzahlen aus.» Er hat die jüngst erschienene Jahresstatistik 2004 von BP interpretiert: Staaten wie die USA, Norwegen oder Grossbritannien hätten das Fördermaximum schon überschritten. Russland, Mexiko oder China befänden sich am Fördermaximum. Noch darunter seien unter anderen die meisten Golfstaaten, Nigeria und Venezuela. Obwohl die Erdölkonzerne jährlich steigende Reserven vermelden und damit die immer höhere Nachfrage zu parieren glauben, bleibt Jenni skeptisch: «Die Felder werden immer kleiner, die Rohölqualität sinkt tendenziell, die Erdölförderung und die Verarbeitung brauchen ihrerseits immer mehr Energie.»

Erdölexperte Campbell sagt heute denn auch klar: «Alle sind nervös. Die Welt ist nahe am Fördermaximum - es könnte bereits vergangenes Jahr erreicht worden sein.» Hat der Brite recht, so wären das düstere Aussichten für die ölhungrige Weltwirtschaft: Nach Jahren der Steigerung der Fördermenge wird die Produktion nach dem Fördermaximum Jahr für Jahr zurückgehen. «Um 2 oder 3% jährlich», schätzt Campbell, «und das für immer.» Das sei absolut gesehen zwar nicht sehr viel, habe aber grosse Konsequenzen auf die weltweite Wirtschaft. «Deshalb wird der Ölpreis solange steigen, bis die führenden Wirtschaftsmächte deswegen in eine Rezession fallen.» Dann würden Nachfrage und Preise wieder sinken - bis die Volkswirtschaften sich erholen. Campbell: «Es ist ein Teufelskreis.»

*BP setzt auf Solarenergie*

Die Warnrufe der Kritiker kümmert die amerikanische, weltgrösste Erdölfirma Exxon Mobil herzlich wenig. Auf ihrer deutschen Homepage verkündet sie: «Immer wieder wird behauptet, dass in naher Zukunft das Ende des Ölzeitalters erreicht sei.» Das sei ein «weit verbreitetes Missverständnis». Da erstaunt nicht, dass Exxon Mobil auch kaum auf erneuerbare Energien setzt.

Anders schätzt man die Lage bei der britischen Konkurrenz BP ein. Der Konzern investiert nach eigenen Angaben seit 30 Jahren in erneuerbare Energien. Die deutsche Tochter hat vor zwei Jahren in München die grösste Solaranlage in Betrieb genommen, die je auf einem Flughafen gebaut wurde. Das Erdölunternehmen stellt heute auch bei der Werbung in Magazinen nicht Öl, sondern Sonnenenergie in den Vordergrund, weil sie «beste Aussichten» habe, wie das Unternehmen in einem Inserat schreibt, «schliesslich scheint die Sonne noch etwa 4,5 Mrd Jahre». Länger als das Öl je fliessen wird.

 
 
 

Jenni Energietechnik AG