29. April 2005, Neue Zürcher Zeitung
Fragilität am Erdölmarkt

Kritischer Blick auf die langfristige Versorgungslage

Seit das Wertschriftenhaus Goldman Sachs im März ein «Super-Spike»-Szenario präsentiert hat, laut dem der Erdölpreis in Zukunft auf über 100 Dollar je Fass steigen könnte, scheinen jene Stimmen, welche stetig höhere Erdölpreise vorhersagen, zusehends lauter zu werden. Private Prognosen sind dabei aggressiver als institutionelle.

Fdr. Vancouver, 28. April

Der New Yorker Erdölpreis hat am Donnerstagmittag bei etwas über 50 $ je Fass und damit um rund 8 $ unter dem unlängst erzielten nominalen Höchststand von etwas mehr als 58 $ je Fass notiert. Der Preisrückgang seit Monatsbeginn war indessen keinesfalls ein geordneter oder gradueller. Vielmehr war die Notiz seit Mitte März erneut sehr volatil; der Fasspreis zog nach dem vorübergehenden Einbruch auf etwas unter 52 $ wieder an. Dies deutet darauf hin, dass der Markt insgesamt immer noch sehr fragil ist und anfällig auf Störungen jeglicher Art. In dieses Kapitel fallen zurzeit die Probleme der Vereinigten Staaten mit der Raffineriekapazität für Benzin. Zuvor waren es die Befürchtungen über unzureichende Heizölvorräte gewesen. Fototermine wie unlängst jener im texanischen Crawford, wo der saudiarabische Kronprinz erstmals seit drei Jahren wieder mit dem US-Präsidenten zusammentraf, sorgen allenfalls für eine psychologische Klimabereinigung. Die Probleme am Energiemarkt lassen sich auf diese Art aber nicht lösen.

Zuversichtliche Regierungen

Als das US-Wertschriftenhaus Goldman Sachs im März eine Studie veröffentlichte, welche die Möglichkeit eines «Super-Spike»-Szenarios erörterte, das den Erdölpreis in Zukunft auf 105 $ je Fass treiben könnte, behaupteten nicht nur Energiehändler, Goldman Sachs habe sich von der Studie bloss eine gewinnträchtige Schockwirkung versprochen. Weniger beachtet wurde dabei eine andere Vorhersage von Goldman Sachs, wonach der Durchschnittspreis für Erdöl im laufenden Jahr 55 $ pro Fass erreichen könnte.

Dennoch wurde in den vergangenen Wochen wieder vermehrt die Frage diskutiert, ob und wann die globalen Erdölreserven erschöpft sein werden. Die Grundlage derartiger Szenarien ist immer dieselbe: Die Nachfrage nach Erdöl steigt in einem Tempo, mit dem die erwartete Förderung ab einem gewissen Zeitpunkt vermutlich nicht mehr wird mithalten können. Die meisten Regierungen und internationalen Organisationen geben sich zurückhaltend - wohl im Bestreben, keine Panik auszulösen. Die International Energy Agency des US-Energiedepartementes beispielsweise erwartet bis im Jahr 2025 eine Gesamtnachfrage von 121 Mio. Fass je Tag; zum gleichen Zeitpunkt soll die Gesamtproduktion 126,1 Mio. Fass je Tag betragen, aber nur, wenn vorher massive Neuinvestitionen getätigt werden.

Private Prognostiker sind dabei weit weniger zurückhaltend. Der 1989 verstorbene amerikanische Geophysiker M. King Hubbert hat schon 1956 behauptet, in den siebziger Jahren werde die Erdölproduktion in den USA (ohne Alaska) ihren Höhepunkt überschritten haben und langsam abnehmen. Er sollte trotz den Funden von Prudhoe Bay Recht behalten. Die USA müssen heute rund zwei Drittel ihres Tagesverbrauches von etwa 20 Mio. Fass je Tag importieren. Eine andere amerikanische Gruppe, Groppe Long & Little in Houston, glaubt, die USA seien diesbezüglich nicht allein. Eine ähnliche Entwicklung bahne sich in vielen anderen erdölproduzierenden Ländern an. Eine Studie der Ohio State University hält fest, dass die venezolanische Produktion rückläufig sei. Nigeria habe den Höhepunkt 1978 überschritten, und Grossbritannien 1999. Das einzige Industrieland, dessen Produktion in Zukunft noch steigen könnte, sei Kanada. Tatsache sei, dass 70% des heute geförderten Erdöls aus Quellen stamme, die vor 1970 entdeckt worden seien. Groppe behauptet dabei nicht, das Erdöl werde bald ausgehen. Das Beratungsunternehmen rechnet vielmehr damit, dass der Vorrat an günstig zu produzierendem Erdöl erschöpft werde. Das britische Oil Depletion Analysis Centre (Odac) ist noch weniger zurückhaltend; es sieht die globale Produktion ab 2007 als langsam rückläufig, trotz den 73 zurzeit in Entwicklung befindlichen Grossprojekten - 24 innerhalb der Opec, 49 ausserhalb. Selbst Saudiarabien und Russland zusammen seien nicht in der Lage, diese Lücke zu stopfen.

Problematische Langfristprognosen

Langfristprognosen sind eine problematische Sache. Immer wieder formen unvorhergesehene Entwicklungen die Zukunft anders, als sie ursprünglich vorhergesagt wurde. Die Erdölgesellschaften versuchen stets, ihre grossen Erdölfelder zuerst auszubeuten, weil dies in der Regel ökonomischer ist. Wenn in jüngster Zeit keine Grossfunde gemacht wurden, heisst das noch nicht, dass es keine mehr geben kann. Allerdings steigen derzeit die Explorationskosten und wahrscheinlich auch die Kosten der eigentlichen Förderung, und zwar massiv. Erdöl wird noch für eine Weile vorhanden sein, aber nicht mehr so billig wie bis anhin. Aus dieser Warte ist die Goldman-Sachs- Prognose möglicherweise nicht ganz so vermessen, wie sie sich ursprünglich anhörte.

 


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