|
Fdr. Vancouver, 28. April
Der New Yorker Erdölpreis hat am Donnerstagmittag bei etwas über
50 $ je Fass und damit um rund 8 $ unter dem unlängst
erzielten nominalen Höchststand von etwas mehr als 58 $ je
Fass notiert. Der Preisrückgang seit Monatsbeginn war indessen
keinesfalls ein geordneter oder gradueller. Vielmehr war die Notiz
seit Mitte März erneut sehr volatil; der Fasspreis zog nach dem
vorübergehenden Einbruch auf etwas unter 52 $ wieder an.
Dies deutet darauf hin, dass der Markt insgesamt immer noch sehr
fragil ist und anfällig auf Störungen jeglicher Art. In dieses
Kapitel fallen zurzeit die Probleme der Vereinigten Staaten mit
der Raffineriekapazität für Benzin. Zuvor waren es die Befürchtungen
über unzureichende Heizölvorräte gewesen. Fototermine wie unlängst
jener im texanischen Crawford, wo der saudiarabische Kronprinz
erstmals seit drei Jahren wieder mit dem US-Präsidenten
zusammentraf, sorgen allenfalls für eine psychologische
Klimabereinigung. Die Probleme am Energiemarkt lassen sich auf
diese Art aber nicht lösen.
Zuversichtliche Regierungen
Als das US-Wertschriftenhaus Goldman Sachs im März eine Studie
veröffentlichte, welche die Möglichkeit eines «Super-Spike»-Szenarios
erörterte, das den Erdölpreis in Zukunft auf 105 $ je Fass
treiben könnte, behaupteten nicht nur Energiehändler, Goldman
Sachs habe sich von der Studie bloss eine gewinnträchtige
Schockwirkung versprochen. Weniger beachtet wurde dabei eine
andere Vorhersage von Goldman Sachs, wonach der Durchschnittspreis
für Erdöl im laufenden Jahr 55 $ pro Fass erreichen könnte.
Dennoch wurde in den vergangenen Wochen wieder vermehrt die
Frage diskutiert, ob und wann die globalen Erdölreserven erschöpft
sein werden. Die Grundlage derartiger Szenarien ist immer
dieselbe: Die Nachfrage nach Erdöl steigt in einem Tempo, mit dem
die erwartete Förderung ab einem gewissen Zeitpunkt vermutlich
nicht mehr wird mithalten können. Die meisten Regierungen und
internationalen Organisationen geben sich zurückhaltend - wohl im
Bestreben, keine Panik auszulösen. Die International Energy
Agency des US-Energiedepartementes beispielsweise erwartet bis im
Jahr 2025 eine Gesamtnachfrage von 121 Mio. Fass je Tag; zum
gleichen Zeitpunkt soll die Gesamtproduktion 126,1 Mio. Fass je
Tag betragen, aber nur, wenn vorher massive Neuinvestitionen getätigt
werden.
Private Prognostiker sind dabei weit weniger zurückhaltend.
Der 1989 verstorbene amerikanische Geophysiker M. King
Hubbert hat schon 1956 behauptet, in den siebziger Jahren werde
die Erdölproduktion in den USA (ohne Alaska) ihren Höhepunkt überschritten
haben und langsam abnehmen. Er sollte trotz den Funden von Prudhoe
Bay Recht behalten. Die USA müssen heute rund zwei Drittel ihres
Tagesverbrauches von etwa 20 Mio. Fass je Tag importieren. Eine
andere amerikanische Gruppe, Groppe Long & Little in Houston,
glaubt, die USA seien diesbezüglich nicht allein. Eine ähnliche
Entwicklung bahne sich in vielen anderen erdölproduzierenden Ländern
an. Eine Studie der Ohio State University hält fest, dass die
venezolanische Produktion rückläufig sei. Nigeria habe den Höhepunkt
1978 überschritten, und Grossbritannien 1999. Das einzige
Industrieland, dessen Produktion in Zukunft noch steigen könnte,
sei Kanada. Tatsache sei, dass 70% des heute geförderten Erdöls
aus Quellen stamme, die vor 1970 entdeckt worden seien. Groppe
behauptet dabei nicht, das Erdöl werde bald ausgehen. Das
Beratungsunternehmen rechnet vielmehr damit, dass der Vorrat an günstig
zu produzierendem Erdöl erschöpft werde. Das britische Oil
Depletion Analysis Centre (Odac) ist noch weniger zurückhaltend;
es sieht die globale Produktion ab 2007 als langsam rückläufig,
trotz den 73 zurzeit in Entwicklung befindlichen Grossprojekten -
24 innerhalb der Opec, 49 ausserhalb. Selbst Saudiarabien und
Russland zusammen seien nicht in der Lage, diese Lücke zu
stopfen.
Problematische Langfristprognosen
Langfristprognosen sind eine problematische Sache. Immer wieder
formen unvorhergesehene Entwicklungen die Zukunft anders, als sie
ursprünglich vorhergesagt wurde. Die Erdölgesellschaften
versuchen stets, ihre grossen Erdölfelder zuerst auszubeuten,
weil dies in der Regel ökonomischer ist. Wenn in jüngster Zeit
keine Grossfunde gemacht wurden, heisst das noch nicht, dass es
keine mehr geben kann. Allerdings steigen derzeit die
Explorationskosten und wahrscheinlich auch die Kosten der
eigentlichen Förderung, und zwar massiv. Erdöl wird noch für
eine Weile vorhanden sein, aber nicht mehr so billig wie bis
anhin. Aus dieser Warte ist die Goldman-Sachs- Prognose möglicherweise
nicht ganz so vermessen, wie sie sich ursprünglich anhörte.
|