Die Abhängigkeit Europas von russischen Erdgaslieferungen

   
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Energielieferant Putin am längeren Hebel
Karikatur: Jenni AG / Orlando Eisenmann
Bundeskanzlerin Merkel nach dem Treffen mit Putin
Karikatur: Orlando Eisenmann / Jenni AG
 

 

Europa braucht Energie, die es zu einem zunehmend kleineren Teil selber produzieren kann. Der Erdgasbedarf zum Beispiel steigt jährlich um rund 2 Prozent und wird im Jahre 2015 ein Drittel höher sein als 2005. Europa wird dann nur noch einen Viertel des Bedarfs selber produzieren können (heute noch rund 40%), drei Viertel wird es importieren müssen. Russland ist der grösste und der Europa am nächsten gelegene Produzent. Dies heisst:

Europa ist von russischen Gas- und Öllieferungen abhängig – und auch von der Verlässlichkeit dieses Partners mit Bezug auf die Lieferungen.

Russland hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den darauf folgenden chaotischen Jahren wieder aufgefangen und stellt heute wieder eine ernstzunehmende politische und wirtschaftliche Macht dar. Damit wird es auch zu einem Konkurrenten und Rivalen für das Europa der EU. Bereits ist wieder davon die Rede, dass sich ein Denken und Reden und damit auch ein Drohen im Stil des Kalten Krieges breit macht. Die EU sucht stabile und verlässliche Beziehungen zu Russland, kann aber die zunehmend autoritären und demokratiefeindlichen Tendenzen in diesem Land nicht ignorieren. Russland scheint gewillt, seine Rolle als Akteur auf der internationalen Bühne wahrzunehmen; verschiedentlich hat es seine Bereitschaft gezeigt, den Gashahn vorübergehend zuzudrehen, um seinen politischen und wirtschaftlichen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Davon betroffen waren insbesondere osteuropäische Staaten wie die Ukraine, Weissrussland, Litauen, Georgien und Armenien. Es entstanden aber auch Lieferengpässe für andere Staaten wie Deutschland und Italien.

 

Hauptabnehmer russischer Erdgasexporte in Europa 2004

 

Importe (bcf/year)

%-Anteil des Verbrauchs

Deutschland

1110

44

Italien

777

29

Türkei

473

65

Frankreich

470

26

Ungarn

378

72

Finnland

269

100

Slowakei

261

100

Polen

258

60

Tschechien

240

82

Österreich

201

63

Bulgarien

184

94

Rumänien

177

24

Griechenland

74

92

Quelle: US Department of Energy, Energy Information Administration, “Russia: Natural Gas,” Country Analysis Briefs, January 2006, at www.eia.doe.gov/emeu/cabs/Russia/NaturalGas.html (August 3, 2006);

Zitiert in http://www.heritage.org/Research/Europe/images/B1980_table1_large.gif

 

Bestehende und geplante Erdöl- und Erdgasleitungen aus Russland nach Europa
 

Quelle. http://www.spiegel.de/international/0,1518,grossbild-774189-458803,00.html

 

Russland ist zwar darauf angewiesen, im Westen als vertrauenswürdiger Partner zu erscheinen, um die notwendigen Investitionen in die Förderinstallationen abzusichern und zu vermeiden, dass die Abnehmer sich nicht um andere Lieferanten und Lieferwege bemühen. Mit dem im Mai 2007 geschlossenen Abkommen (formelle Unterzeichnung am 1. September 2007 vorgesehen) mit Kasachstan und Turkmenistan konnte Russland allerdings sicherstellen, dass das Erdgas aus den zentralasiatischen Staaten über eine entlang dem Kaspischen Meer und damit über Russland geführte neue Pipeline nach Europa geleitet wird. Russland sichert sich damit die Kontrolle über die Lieferwege. Es ist sich bewusst, und zeigt dies auch, dass es seine Energievorkommen als politisches Druckmittel einsetzen kann. Deutschland bezieht 35% seines Erdgasbedarfs aus Russland. Mit der geplanten Gaspipeline von St. Peterburg nach Greifswald (vorgesehene Inbetriebnahme, optimistisch betrachtet, im Jahre 2010) wird der Marktanteil des russischen Erdgases langfristig auf über 40% steigen.

Quelle: http://www.energieverbraucher.de/de/Energiebezug/Erdgas/site__1261/

Aber nicht nur Deutschland, auch andere europäische Staaten sind, wenn auch in einem unterschiedlichen, jedoch zunehmenden Masse, von russischem Erdgas abhängig (vor allem die Ukraine, Italien, Weissrussland, die Slowakei, Tschechien, Polen). Diese Abhängigkeit und Liefersicherheit mit Bezug auf russisches Erdgas hat aber noch einen weiteren Aspekt. Russland will sich seine Flexibilität sichern und weitere Abnehmer erschliessen; so scheint es gewillt, seine Energielieferungen vermehrt in Richtung Südostasien zu lenken. Aber: Mittelfristig könnte auch ohne politische Überlegungen die Lieferung russischen Erdgases zurückgehen, weil der Bedarf für die eigene Wirtschaft wächst und die Förderung eher stagniert und gewaltiger zusätzlicher Investitionen bedarf. Zwischen dem Gasbedarf Europas und den sicher scheinenden Importmengen klafft ab dem Jahre 2009 eine zunehmend grössere Lücke, auch dann, wenn die russischen Importe konstant bleiben sollten. So oder so: Der russische Präsident, derzeit Wladimir Putin, sitzt am längeren Hebel bzw. in diesem Fall in der exklusiven Position, am Gashahn nach eigenem Belieben drehen zu können.
   
Europäische Gasversorgung: Verdoppelung der Importe bis 2020!

Europa weist im globalen Vergleich nur noch unbedeutende eigene Erdgasreserven auf:
 

Quelle: http://www.energiekrise.de

   

Datenquelle: http://www.eia.doe.gov/oiaf/ieo/pdf/nat_gas.pdf
Darstellung Jenni Energietechnik AG

   

Frau Merkel nach der Rückkehr vom Gipfeltreffen in Samara

Im Rahmen des EU-Russland-Gipfels in der russischen Stadt Samara kam es Mitte Mai 2007 zu einem eher überraschenden verbalen Schlagabtausch zwischen der deutschen Bundeskanzlerin und dem russischen Präsidenten, bei welchem Putin Vorhaltungen sehr selbstbewusst konterte. Die Zielsetzung, zu einem besseren Gesprächsklima zu gelangen, erwies sich vorderhand als illusionär. Vielmehr ist auch weiter mit einem frostigen Klima zu rechnen. Russland scheint gewillt, seine Trümpfe auszuspielen.

Wer abhängig ist, ist in einer schwachen Position und muss sich stets überlegen, was an Eigenständigkeit riskiert werden darf.

Gerade auch, weil nicht ersichtlich ist, dass sich an dieser Situation der Abhängigkeit etwas ändern wird, im Gegenteil, sie tendiert eher, sich zu verschärfen. Dabei wird häufig auch ausgeblendet, unter welchen für die Umwelt negativen Bedingungen die russische Erdöl- und Erdgasproduktion, insbesondere in den arktisnahen Bereichen, erfolgt.

Der dem nordostasiatischen Volk der Tschuktschen entstammende Schriftsteller Juri Rytchëu äussert sich dazu folgendermassen:

„Eine fatale Umweltzerstörung bewirken die Aktivitäten zur Förderung von Gas und Öl. Einst saubere Seen und Flüsse werden von Ölrückständen verschmutzt. Zahlreiche Fackeln von brennendem Gas rivalisieren mit dem Nordlicht und übertreffen dies wunderschöne Naturschauspiel nicht selten an Helligkeit und an Ausdauer. … Natürlich begrüsse ich persönlich, dass sich die Weltgemeinschaft endlich um die Klimaveränderung Sorgen macht und die Bedrohung erkannt hat, die vom Menschen, der Krone der Schöpfung, ausgeht. Die Frage lautet allerdings, ob wir die Kraft haben, unser unbedachtes destruktives Tun anzuhalten, und ob wir aufhören können, an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen.“      (NZZ, 8.6.2007)

 

 

   

Weiterführende Links

Bedeutung Russland als Ergaslieferant für Europa
 

Abhängigkeit der EU von russischen Gasimporten
 

Allgemeine Informationen betreffend Erdgas und EU
 

Erdgas: Bedarf und Verbrauch in der Europäischen Union (S. 155 ff.)
 

Erdgas: Europäische Nachfrage und Importe
 

Zur aktuellen politischen und Versorgungs-Situation
 

Informationen über Preise, Reserven, Produktion, Verbrauch, Zukunftsperspektiven
 

Erdgasversorgung Europas im
Kontext mit der geplanten Erdgaspipeline durch die Ostsee

   
   
  weiter zum Thema China
  weiter zum Thema Erdöl und Krieg
  weiter zum Thema Kohleförderung
   
   
 
 

Jenni Energietechnik AG