27. April 2005, Neue Zürcher Zeitung

Erdöldiplomatie auf Bushs Ranch in Texas

Kronprinz Abdallah erfüllt die US-Hoffnungen nicht

Die USA und Saudiarabien haben bei Gesprächen in Texas keine Übereinkunft erzielt, die eine rasche Senkung der Erdölpreise herbeiführen würde. Saudiarabien versprach allerdings einen langfristigen Ausbau seiner Förderkapazität. Der hohe Benzinpreis ist für Präsident Bush zu einem innenpolitischen Problem geworden.

A. R. Washington, 26. April

Vor dem Hintergrund rekordhoher Erdöl- und Benzinpreise hat der amerikanische Präsident Bush am Montag mehrstündige Gespräche mit dem saudiarabischen Regenten, Kronprinz Abdallah, auf seiner Ranch in Texas geführt. Amerikanische Hoffnungen auf eine Zusage Saudiarabiens zu einer unmittelbaren Erhöhung seiner Rohölproduktion gingen dabei jedoch nicht in Erfüllung. Als kurzfristiges Mittel zur Senkung der Benzinpreise hatte Bush letzte Woche in einer Grundsatzrede zur Energiepolitik angekündigt, die Erdölstaaten zu einer maximalen Ausweitung ihrer Förderung bewegen zu wollen.

Das Weisse Haus unter politischem Druck

Abdallah, der von seinem Erdölminister begleitet wurde, unterrichtete die amerikanische Seite stattdessen über einen Plan zur langfristigen Steigerung der Produktionskapazitäten. Saudiarabien hat in den letzten Jahren seine Erdölhahnen weit aufgedreht und fördert derzeit etwa 9,5 Millionen Barrel pro Tag. Bei einer Tageskapazität von rund 11 Millionen Barrel ist der Spielraum für eine weitere Produktionssteigerung längst nicht mehr so gross wie früher, was die Sorge um die langfristige Deckung der steigenden Weltnachfrage verstärkt. Der saudische Plan sieht nun vor, die Förderkapazität mit hohen Investitionen bis 2010 auf 12,5 Millionen und im nächsten Jahrzehnt auf 15 Millionen Barrel pro Tag auszuweiten. Die USA äusserten sich erfreut über diese Absicht.

Die hohen Energiepreise und Spekulationen über einen explosionsartigen Anstieg im Sommer stellen für Bush zunehmend eine innenpolitische Belastung dar. Vor gut vier Jahren war er mit dem Wahlkampfversprechen angetreten, den erdölproduzierenden Ländern tiefere Preise abzupressen; seit seinem Amtsantritt hat sich der Rohölpreis jedoch mehr als verdoppelt, und die Benzinpreise stiegen um durchschnittlich 50 Prozent. Auch wenn der Literpreis an amerikanischen Tankstellen mit umgerechnet 70 Rappen für europäische Verhältnisse noch immer spottbillig erscheint, hat die Autofahrernation USA den Anstieg unangenehm zu spüren bekommen. Unmittelbare Probleme bereitet dabei laut Experten weniger das Rohölangebot als die mangelnden Verarbeitungskapazitäten in den USA. Laut einem hohen Berater des Königshauses würde es daher nichts nützen, wenn Saudiarabien kurzfristig mehr Rohöl auf den Markt würfe.

Gleichentags kritisierte der gescheiterte demokratische Präsidentschaftskandidat Kerry im Senat die Energiepolitik des Weissen Hauses. Er forderte die Verringerung der Abhängigkeit von ausländischem Erdöl und die Förderung alternativer Energien. Ähnliche Ziele proklamiert auch das von den Republikanern vorgeschlagene und vom Repräsentantenhaus kürzlich verabschiedete Energiegesetz, wenn auch weniger ambitiös und durchsetzt mit Vergünstigungen für herkömmliche Energieproduzenten.

 


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