«Dann gibt's nichts mehr zu essen»
Nestlé-Chef Peter Brabeck warnt im
Interview vor Agro-Treibstoffen
Nestlé-Chef Peter Brabeck wendet sich gegen die
Subventionierung von Agro-Treibstoffen, die aus Soja und Weizen
hergestellt werden. Über hundert Millionen Tonnen Getreide
werden voraussichtlich dieses Jahr allein in den USA für diesen
Zweck verbraucht.
NZZ am Sonntag: Nestlé hat soeben die Prognose für das
laufende Jahr erhöht und einen Umsatzzuwachs von 7,4%
angekündigt, obwohl die Rohstoffpreise ständig steigen. Wie
gelingt es Ihnen, die höheren Preise zu überwälzen, ohne dass
die Konsumenten weniger kaufen?
Peter Brabeck: Indem wir die Produkte verbessern: Wir machen
sie wertvoller, wir renovieren sie ständig. Dadurch sind wir in
der Lage, die Preise zu erhöhen. Im Schnitt erfinden wir
jährlich mindestens 20% unserer bestehenden Produkte quasi neu.
Ändert man bei Nestlé auch die Rezepturen? Ersetzt man teurer
gewordene Rohstoffe durch günstigere?
Selbstverständlich. Das spielt in Entwicklungsländern eine
grosse Rolle. Ein traditionelles Milchpulverprodukt auf
Weizenbasis ist bei den hohen Weizenpreisen heute in Afrika für
viele unerschwinglich. Wenn wir Weizen durch einen lokalen
Rohstoff wie Reis ersetzen, können wir den Preis konstant
halten. Das Geheimnis liegt aber in der Kombination. Ein
Beispiel: Heute haben wir eine Serie von Produkten, bei denen
wir die Milch teilweise durch andere Produkte ersetzen und
dadurch ein für die Ernährung wertvolleres Milchpulver erhalten.
Wir ersetzen hochpreisige Rohstoffe durch billigere, renovieren
gleichzeitig die Produkte und können so höhere Preise
durchsetzen.
In welche Richtung geht diese Produkteinnovation?
Intern richten wir uns nach der Formel 60:40 plus. Wir
untersuchen alle Produkte kontinuierlich darauf, ob sie von 60%
unserer Käufer gegenüber den Konkurrenzprodukten bevorzugt
werden. Das ist die Messlatte. Das Plus bedeutet, dass die
Produkte von der Ernährungsseite her wertvoller sein müssen als
die anderer Anbieter. Produkte, die das nicht erreichen, stehen
mittelfristig auf der Abschussliste. Getrennt haben wir uns etwa
vom Pasta- und Tomaten-Geschäft.
Wie beeinflussen heute die Finanzmärkte die Preise von
Agrarrohstoffen?
Massiv, und das ist ein grosses Problem. Die Hedge-Funds
verlagern sich zunehmend von den Finanzmärkten in die
Rohwarenmärkte. Früher konnten wir ungefähr abschätzen, wie die
Ernten ausfallen werden – und konnten uns auf entsprechende
Preise einstellen. Das ist vorbei. Wichtiger als die Ernte ist
heute, ob die kalifornische Pensionskasse Calpers entscheidet,
mit 750 Mio. $ in den Rohwarenmarkt einzusteigen – weil dann
alle anderen Pensionskassen der Welt dasselbe tun und auf einen
Schlag 5 Mrd. $ in einen Agrarmarkt investiert werden. Es ist
alles sehr spekulativ geworden.
Müssen Sie jetzt das Verhalten von Pensionskassenverwaltern
studieren?
In der Art. Bei verschiedenen Rohwaren sehen wir heute schon
Anzeichen einer Blase, zum Beispiel bei Kaffee oder Kakao, da
liegen die Notierungen weit über dem fundamental
gerechtfertigten Preis. Der Weizen wird jedoch teuer bleiben.
Wie reagiert Nestlé darauf? Mit längeren Lieferverträgen?
Wir haben vor drei Jahren vorausgesagt, dass die Preise für
Rohwaren steigen würden – was uns damals keiner geglaubt hat,
weil wir 15 Jahre lang keine Steigerungen hatten. Darum waren
wir besser als andere auf die Hausse der Rohwaren vorbereitet.
Es gibt Schokoladeproduzenten, die quasi eigene Bauern in den
Produzentenländern haben. Nestlé auch?
Wir beschaffen uns die Milch zum grössten Teil direkt bei den
Milchproduzenten. Insgesamt haben wir 600 000 Bauern weltweit,
die direkt für uns arbeiten, 100 000 davon liefern Kakao- und
Kaffeebohnen. Damit kann man die Spekulation mindern. Aber wenn
Sie heute zu einem Kaffeebauern in Costa Rica oder San Salvador
gehen, dann sitzt der oben auf dem Hügel in einer Hütte und
zeigt Ihnen auf seinem Computer, wo genau der Preis von Kaffee
in New York steht. Die Bauern sind heute glücklich, das ist auch
für uns gut. Denn hinter jedem Bauern stehen rund sechs
Familienmitglieder, die wieder unsere Konsumenten sind.
Bereiten die massiv gestiegenen Preise für Agrarrohstoffe
also keine Sorgen?
Aus globaler Perspektive kümmert mich das sehr wohl. Die
Bevölkerung wird auf mindestens 9 Mrd. Menschen anwachsen. Doch
wir haben schon Schwierigkeiten, genügend Lebensmittel für die
6,5 Mrd. von heute zu erzeugen. Das liegt an den neuen
Essgewohnheiten und an der Herstellung von Biotreibstoffen.
Warum sind veränderte Essgewohnheiten ein Problem?
Mit höheren Einkommen leisten sich die Leute mehr Fleisch.
Wenn von 1,3 Mrd. Chinesen 600 Mio. von nur Reis umsteigen auf
Reis mit Huhn oder Schwein, multipliziert sich dadurch der
Grundnahrungsbedarf. Denn um eine Kalorie Fleisch zu
produzieren, brauchen wir rund achtmal mehr Getreide als für die
Herstellung einer vegetarischen Kalorie. Zudem verschlingt dies
zehnmal so viel Wasser. Hunderte von Millionen Menschen sind in
letzter Zeit aus der Armut in ein angenehmeres Leben
aufgestiegen, haben plötzlich Zugang zu industriellen Produkten.
Diese Entwicklung freut uns. Unglücklich bin ich über den Boom
der Biotreibstoffe.
Was ist schlecht daran?
Wenn die USA dieses Jahr 138 Mio. Tonnen Mais nur für
Biotreibstoff verwenden, fehlt diese Menge für die
Lebensmittelproduktion und verschärft den Kampf um den Boden.
Das führt dazu, dass nicht nur der Preis für Mais in die Höhe
geht, sondern auch jener für Soja und Weizen.
Landwirtschaftlicher Boden wird zum knappen Gut. Ebenso Wasser,
das uns auszugehen droht. Um 1 Liter Bioethanol zu produzieren,
brauchen Sie 4000 Liter Wasser! Wasser ist das grössere Problem
als der CO 2 -Ausstoss. Wir zapfen heute schon nicht nur die
erneuerbaren, sondern auch die fossilen Wasservorräte an. Diese
fossilen Vorräte wurden wie das Erdöl vor Millionen von Jahren
geschaffen. Das ist kein Problem für die Schweiz mit ihrer
Regenlandwirtschaft. Aber die grossen Produzenten bewässern ihre
Felder heute fast alle künstlich.
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40 Jahre im Dienst von Nestlé |
«Es ist inakzeptabel, dass man enorme Subventionen
zahlt, um aus Lebensmitteln Biotreibstoff zu machen.»
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Der Österreicher Peter Brabeck-Letmathe
arbeitet seit 1968 für Nestlé – und ist
Verwaltungsratspräsident und Konzernchef. Das
Unternehmen mit Sitz in Vevey hat 2007 einen Umsatz von
108 Mrd. Fr. und einen Gewinn von 10,7 Mrd. Fr. erzielt.
Der 63-jährige Brabeck wird am 10. April die
Konzernleitung an den Belgier Paul Bulcke übergeben und
sich auf das VR-Präsidium beschränken. (dah.)
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Wo liegen die fossilen Wasserreserven?
Im Südwesten der USA, in Indien und in China. Zudem gibt es
grosse unterirdische Reserven in der Sahara. Deshalb hat
Ghadhafi eine Riesenpipeline gebaut, um dieses Wasser in den
Norden Libyens zu pumpen und dort die Felder zu bewässern. Die
Mandara-Seen, die mitten in der Wüste sind, entwässern sich
zusehends. In Indien und China gehen die Wasserspiegel heute
bereits um 1,5 Meter pro Jahr zurück. Im indischen Punjab muss
man schon 100 Meter tief bohren, um noch Wasser zu finden.
Was sind die Folgen?
Diese Länder exportieren keinen Weizen mehr, sondern müssen
Getreide importieren, weil ihnen das Wasser ausgeht.
Saudiarabien hat vorletzte Woche angekündigt, keinen Weizen mehr
zu exportieren. Kasachstan, eine traditionelle Kornkammer, und
Argentinien wollen den Weizenexport einschränken. Der
Weizenpreis ist ob dieser Meldungen an einem einzigen Tag um 24%
in die Höhe geschnellt.
Ist der Weizenhandel eine Art virtueller Wasserhandel?
Das ist richtig. Deshalb ist es unverantwortlich und
moralisch inakzeptabel, dass man enorme Subventionen zahlt, um
aus Lebensmitteln Biotreibstoff zu machen. Wenn man 20% des
steigenden Erdölbedarfs mit Biotreibstoffen decken will, wie das
geplant ist, dann gibt's nichts mehr zu essen. Das ist
politischer Wahnsinn.
Europa lehnt Gentechnologie vehement ab – warum?
Europa ist nicht darauf angewiesen, weil es vielerorts
genügend Wasser gibt. Aber wir dürfen die Welt nicht nur aus dem
alpinen Blickwinkel sehen. Die paar Millionen Schweizer und
Österreicher können wir noch lange ernähren. Aber nicht die
übrigen 9 Mrd. Erstaunlich ist allerdings, dass die
Gentechnologie in der Schweiz entwickelt wurde. Sie hätte eine
der grossen wirtschaftlichen Stützen des Landes werden können.
Heute ist die Technologie in den Händen der Amerikaner und der
Chinesen.
Bill Gates propagiert in Afrika Bio-Landwirtschaft statt
Gentechnologie. Versteht Gates nichts davon?
Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Ich bin selbst ein
grosser Bio-Fan, ich kaufe biologischen Speck und Schnaps. Fakt
ist jedoch, dass wir mit Bio-Produkten nicht die Welt ernähren
können. Aber für die Bauern in der Schweiz sind biologische
Produkte die richtige Strategie, weil sie dafür höhere Preise
lösen können.
Nestlé ist einer der grössten Wasserverkäufer der Welt.
Profitieren Sie nicht davon, wenn Wasser knapp wird?
Wir sind weltweit führend im Wassergeschäft, aber wir
verbrauchen nur 0,0009% von allem Wasser, das konsumiert wird.
Wenn Sie Wasser sparen wollen, sollten Sie mehr Wasser trinken
und weniger Cola, Bier oder Wein. Denn um 1 Liter Wasser
abzufüllen, brauchen wir 1,5 Liter Wasser. Zur Produktion von 1
Liter kohlensäurehaltigem Getränk benötigt man 3 bis 4 Liter,
pro Liter Bier sogar 6 bis 7 Liter Wasser.
Was muss als Erstes verändert werden?
Das Wasser braucht einen Preis. Nur weil es nichts kostet,
setzt man heute 4000 Liter Wasser ein, um 1 Liter Biodiesel zu
produzieren.
Ist Wasser nicht ein Menschenrecht?
Jawohl – die 5 Liter, die ich brauche, um zu leben, und die
20 Liter, die der Hygiene dienen. Wasser ist aber kein
Menschenrecht, wenn ich damit den Swimmingpool fülle. Südafrika
gibt jeder Familie pro Person 6000 Liter im Monat gratis ab; was
drüber hinausgeht, wird bezahlt. Ein spanischer Bauer oder
Golfplatzbetreiber zahlt aber nur 2% der effektiven
Wasserkosten, entsprechend sorglos gehen sie mit Wasser um.
Interview: Charlotte Jacquemart, Daniel Hug
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