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Beobachter 21/05
Energie
Oil of Switzerland
Text: Christian Schmidt
Bild: Flurina Rothenberger
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Die Ölpreise steigen und steigen – die multinationalen
Ölkonzerne können die Preise diktieren, wie sie wollen. Die
Alternative zum teuren schwarzen Gold wächst im Schweizer Wald.
Holz: Ein Rohstoff wird neu entdeckt.
Es ist eine hübsche Anekdote: Kürzlich sass Josef Jenni in einer
Alphütte über dem Emmental, neben ihm ein Vater mit seinem Sohn.
Als der Senn frisches Brennholz auf das Feuer legte, sagte der
Vater: «Schau, das ist jetzt Oil of Emmental.» Das habe ihn
stolz gemacht, sagt Jenni, und natürlich habe niemand gewusst,
dass er, der Erfinder der Idee, gleich daneben sitze.
Dabei ist die Idee alles andere als neu. Josef Jenni aus Oberburg,
seit 30 Jahren im Bereich alternative Energie tätig, hat nur
eines der ältesten Themen der Welt frisch verpackt. «Oil of
Emmental» steht für nichts anderes als Heizen mit Holz. Im Frühling
2004 lanciert, will das Projekt die Waldwirtschaft des Tals
beleben und einer serbelnden Energiequelle wieder Leben
einhauchen: Holz aus der Region, von ansässigen Bauern gefällt,
wird von Abnehmern aus der Region verfeuert – als Stückholz
oder in Form von Pellets oder Schnitzeln. Dank «Oil of Emmental»
sollen künftig jährlich 30 Millionen Franken in der Gegend
bleiben. Das Geld fliesst nicht in den Import von Öl und Gas,
sondern wird vor der eigenen Haustür umgesetzt.
Bereits nach einem Jahr zeigen sich im Tal erste positive Veränderungen.
Die Ofenbauer erleben Hochkonjunktur, und bei Landwirten, die vor
dem Haus Werbeplakate für «Oil of Emmental» haben, zieht der
Brennholzverkauf an. Holz zu fällen lohne sich wieder für ihn,
sagt Michael Egli aus dem Krauchtal. «Der Mehrverkauf ist zwar
bescheiden, aber immerhin…»
Bauern tun sich zusammen
Das sind selten gehörte Worte in der Schweiz; denn die
Holzwirtschaft befindet sich «in einem maroden Zustand», sagt
Oliver Thees, Leiter der Abteilung Management Waldnutzung bei der
Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und
Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Die Preise für Bau- und
Industrieholz sind in den letzten zehn Jahren um ein Viertel
gesunken, neue Grosssägereien im Ausland drücken zusätzlich auf
den Absatz, und obwohl der Bund jährlich 234 Millionen in die
einheimische Forstwirtschaft steckt, ist die lebensgefährliche
Arbeit im Wald bei weitem nicht kostendeckend. Die Zustände
werden sogar noch schlechter. Der Bund hat die Subventionen für
den Wald um ein Viertel gekürzt; ab 2006 werden fast 60 Millionen
fehlen. Entsprechend gefragt sind Ideen wie «Oil of Emmental».
Lässt sich das Konzept auch auf andere Regionen übertragen? Und
was braucht es dazu? Thomas Grünenfelder, beim Bundesamt für
Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) für Holzenergie zuständig,
beantwortet die entscheidende Frage klar: «Holz ist in grossen
Mengen vorhanden, nicht nur im Emmental.» Es gibt sogar zu viel:
In den überalterten Wäldern stehen mehrere Millionen Kubikmeter
Holz, die gefällt werden müssen.
Holz allein genügt allerdings nicht. Grünenfelder: «Es braucht
auch lokale Initiativen.» Nötig sind Pioniere, die sich
selbstlos engagieren. Daran mangelt es allerdings; denn nicht
jedes Tal hat einen Josef Jenni. Als dritte Voraussetzung ist
zudem eine ähnliche Besitzstruktur wie im Emmental vorteilhaft.
Ein dichtes Netz von privaten Waldbesitzern erhöht die
Bereitschaft, sich selbst zu organisieren und gemeinsam am selben
Strang zu ziehen. In diesem Sinne eignen sich auch das Entlebuch
und das Zürcher Oberland für ein Holzenergieprojekt, weil sich
hier der Wald zu über 80 Prozent in der Hand von Bauern befindet.
Da diese ihren Waldbesitz im Nebenerwerb bewirtschaften, geht es
ihnen nicht in erster Linie um eine möglichst rationelle Nutzung.
In anderen Gegenden – der gesamten Nordostschweiz, weiten Teilen
des Kantons Luzern, im Berner Oberland und im Neuenburger Jura –
gehört immerhin mehr als die Hälfte des Waldes Privaten. Auch
hier kann der Funke überspringen.
Holz gibts im Überfluss
Die Zeit ist reif dafür, denn Holz wird immer konkurrenzfähiger.
Allein seit Anfang 2005 ist der Preis für Heizöl um 40 Prozent
gestiegen – mit der Konsequenz, dass ein holzgeheiztes
Einfamilienhaus im kommenden Winter weniger Wärmekosten
verursachen wird als eines mit Ölbrenner. Einzig die höheren
Investitionskosten für die Holzfeuerung lassen insgesamt immer
noch ein – kleines – Ungleichgewicht entstehen: 13,5 Rappen
kostet das mit Öl erzeugte Kilowatt Wärme, 14,6 Rappen sind es
beim Einsatz von Holzpellets.
Die Botschaft der Holzpromotoren klingt bestechend: Holz ist nach
Wasser die zweitwichtigste heimische Energiequelle, sie ist
nachhaltig, und sie steht im Überfluss zur Verfügung – der
Wald in der Schweiz nimmt pro Sekunde um 1,5 Quadratmeter zu.
Allerdings: Nur ein Viertel der gesamten Waldfläche der Schweiz
ist in privater Hand; der Rest befindet sich in öffentlichem
Besitz. Doch auch hier gibt es zukunftsträchtige Initiativen: Im
Januar geht auf dem Areal der Ems-Chemie in Graubünden ein
Biomassekraftwerk in Betrieb, das jährlich 45000 Tonnen Restholz
verbrennt. Die Hitze wird in Dampf verwandelt, der in der Fabrik
genutzt wird.
Ein noch grösseres Holzkraftwerk ist in der Stadt Basel geplant.
Mitte Oktober wird der Grosse Rat über eine Anlage entscheiden,
die ab 2008 mit 180000 Kubikmetern Hackschnitzel jährlich 125000
Megawattstunden elektrische und thermische Energie liefern soll
– genug für rund 5000 Haushalte.
Brennholz bringt mehr als Bauholz
Bei beiden Anlagen ist die Wirtschaftlichkeit zentral, aber nicht
allein entscheidend. Markus Berlinger, zuständiger Projektleiter
bei der Ems-Chemie: «Wir könnten auch mit Gas oder Öl Dampf
erzeugen, aber wir haben uns gefragt: Woher kriegen wir Energie,
die sowohl aus der Region stammt wie auch billig ist?» Die Wahl
war klar: Dampf aus Holz, erzeugt zu «durchaus konkurrenzfähigen
Preisen». Allerdings stellt die Ems-Gruppe dem Werk ihre eigene
Infrastruktur wie Bahn- und Strassenanschluss zur Verfügung, was
die Kosten drücken hilft.
Auch das Kraftwerk in Basel wird nur kostendeckend wirtschaften,
falls das Parlament sich mit 6,5 Millionen Franken beteiligt. Bei
einer Rückvergütung von 15 Rappen pro Kilowattstunde Strom und
vier Rappen für eine Kilowattstunde Wärme taucht es sonst in die
roten Zahlen; zu hoch sind die Investitionen für den Bau. Doch
die Chancen für ein Ja stehen gut: Der Regierungsrat hat sich
bereits einstimmig hinter das Vorhaben gestellt. Zudem wird der
steigende Ölpreis auch hier seine Wirkung nicht verfehlen.
Sowohl in Domat/Ems wie auch in Basel steht gleichermassen ein
langfristiges, umweltbewusstes Denken im Vordergrund. Die Anlagen
sollen einen grundsätzlichen Wandel in der schweizerischen
Forstwirtschaft einläuten: weg von der Holzproduktion für den
Bau- und Industrieholzmarkt mit seinen tiefen Preisen, hin zum
Brennholz. Dessen Erlöse zeigen – zumindest leicht – nach
oben, und dessen Nutzung ist zusätzlich mit einer politischen
Aussage verbunden. Thomas Grünenfelder vom Buwal: «Jeder
Kubikmeter Holz, der fossile Energieträger ersetzt, reduziert die
CO2-Emissionen um rund 0,6 Tonnen.» Hochgerechnet auf die 2,5
Millionen Kubikmeter, die in der Schweiz jedes Jahr in Heizungen
verbrennen, bedeutet das eine Reduktion des CO2-Ausstosses um 1,5
Millionen Tonnen oder drei Prozent aller Treibhausgasemissionen.
Der «Problemlöser»
Die Holzkraftwerke leisten somit einen Beitrag an die Erfüllung
des Kioto-Protokolls (die Schweiz will den CO2-Ausstoss bis 2010
um zehn Prozent unter das Niveau von 1990 senken) und garantieren
der Waldwirtschaft bis in weite Zukunft einen sicheren Absatz.
Peter Schmid, Mitglied des Projektteams des Basler
Holzheizkraftwerks und Präsident der IG Holzenergie
Nordwestschweiz, ist begeistert und sieht im Energieholz –
neudeutsch «Oil of Switzerland» – den «Problemlöser für
unsere Forstbetriebe!».
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Nahe liegend
Die Energie aus dem Wald
Private Wälder, grosser Holzvorrat: Im Mittelland sind die
Voraussetzungen für Holzenergie besonders gut.
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Privatwaldanteil über 80%
und Privatwaldvorrat über 500 m3/ha |
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Privatwaldanteil 65% bis 80%
und Privatwaldvorrat über 400 m3/ha |
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Privatwaldanteil 50% bis 65%
und Privatwaldvorrat über 400 m3/ha |
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Privatwaldanteil unter 50%
und/oder Privatwaldvorrat unter 400 m3/ha |
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| Quelle: WSL, Spezialauswertung des zweiten
Landesforstinventars (1993–1995) für den Beobachter |
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